Fleischerhandwerk

Achtet die Kreatur. Betriebsbesichtigung in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb.

Achtet die Kreatur. Große Schilder mit dieser Aufschrift hängen über den Schweinebuchten. In den Buchten darunter die Schweine. Ruhig sind sie. Einige liegen. Sie sehen nicht geschunden, oder verletzt aus. Ich kann nichts erkennen, was darauf schließen ließe, dass es diesen Tieren zuvor schlecht ergangen ist. Sie müssen gleich sterben. Sie und ich sind in einem der größten Schlachtbetriebe Deutschlands. Ich sehe die Schweine, sehe das Schild über ihren Köpfen. Achtet die Kreatur. Wir sind am Ende der Betriebsbesichtigung bei Tönnies. Und ich weiß: Diese Schilder müssten ganz woanders hängen.

Der Werksverkauf

Doch kehren wir zum Anfang zurück. Ich stehe draußen auf dem Parkplatz vor dem Tönnies-Werksverkauf. Ich warte auf den Bus der Fleischerinnung Ulm, die mich eingeladen hat, bei dieser Betriebsbesichtigung dabei zu sein. Man verspätet sich. Ich nutze die Zeit und schaue mir den Werksverkauf an. Gleich rechts vom Eingang die Frischetheke. Rinderrouladen sind für 7,99 € das Kilo im Angebot. Das Rindergulasch für 7,49 €. Das ist günstig. Wie so vieles, das angeboten wird in den langen Regalreihen und Kühltruhen, die den Raum füllen. Haushaltsartikel, Grillzubehör, Reinigungsmittel – alles da. Schweinenacken für 2,99 €, Schweinerückenbraten für 3,99 €. Die Wände voll mit bunten Wurstverpackungen. Alle versprechen sie beste Metzgerqualität, glückliche Tiere und die höchste Stufe der Veredelung. Ich kaufe eine Tüte Gummibärchen für 79 Cent und verlasse den Werksverkauf. Mit den gelantinehaltigen Gummibärchen habe ich wahrscheinlich tatsächlich ein Tönniesprodukt in den Händen. Denn, so werde ich eine Stunde später erfahren, Abfälle gibt es in diesem Werk nicht. Hundert Prozent des Schweines werden genutzt.

Der Foto-Termin

Der Bus der Fleischerinnung Ulm rollt auf den Parkplatz. Fototermin mit Tönnies-Logo. Dann schreiten wir durch den klinisch-weißen Haupteingang der Tönnies-Verwaltung, werden freundlich willkommen geheißen und in den Besucherraum geführt. Ein Mitarbeiter im weißen Kittel stellt sich vor und erzählt uns die Geschichte des Unternehmens. Er erzählt von der Gründung im Jahre 1971 und von Wachstum und Wachstum und Wachstum. Er ist stolz auf dieses Unternehmen, stolz ein Teil dieser Erfolgsgeschichte sein zu dürfen. Vor ihm sitzen 24 Handwerksmetzger.

Zahlen über Zahlen

Das Betriebsgelände wird uns erklärt, immer wieder der Zentralgang und seine Bedeutung für den Betrieb betont. Dann Zahlen, immer wieder Zahlen. Der Froster mit minus 24 Grad und 42.000 Palettenstellplätzen das größte Kühlhaus auf dem Gelände. Das Versandkühlhaus hat 6.500 Palettenstellplätze, eine neues Kühlhaus weitere 3.000.
18.000 Betriebe liefern ihre Schweine an das Werk. 18.000 Betriebe, die fast alle im Radius von 120 Kilometern um das Tönnieswerk ihren Standort haben, im Schweinetopf Europas. Hier leben 85 Prozent der deutschen Schweine. In weiten Landstrichen leben mehr Schweine als Menschen. Rohstoffbezug aus der Region. Für ein Werk wie Tönnies kein Problem. 22.000 Schweine werden täglich geschlachtet. Montags sogar 25.000, weil keine Sauen geschlachtet werden. 1.400 Scheine pro Stunde und alles über ein Band. Die Errichtung eines zweiten Bandes hat man aus Rentabilitätsgründen abgelehnt. In 80 Länder der Welt werden 50 Prozent der Waren exportiert. Pfötchen, Schwänzchen, Innereien werden nach China verschifft. Containerfracht sei so billig, da lohne das Geschäft. Spareribs schickt man in die USA, besonders in den Wintermonaten. In Europa seien Italien und die Niederlande die wichtigsten Abnehmer. Insgesamt arbeiten 5.500 Menschen auf dem Gelände. 3.000 davon seien eigene Mitarbeiter. 25 verschiedene Nationen vereine man unter dem Tönnies-Dach. 40 Stunden in der Woche, 24 Tage Urlaub im Jahr.

Die Zerlegehalle

Den Kopf voller Zahlen ziehen wir unsere Hygienekleidung an und folgen dem Mann im weißen Kittel durch den Zentralgang. Menschen kommen uns entgegen, mal schweigend, mal grüßend. Die erste Hygieneschleuse, dann zieht uns der Gang weiter. Links und rechts weitere Gänge und Treppenhäuser. Irgendwann laufen auch wir Treppen, laufen links, laufen rechts und immer wieder diese Treppen. Dann stehen wir plötzlich auf einem Balkon und blicken in die riesige Zerlegehalle. 500 Menschen arbeiten hier am Fließband. Wir dürfen durch die Halle hindurch gehen. Hängend kommen die Scheinehälften in die Halle. Auf einem Podest stehen Arbeiter und schneiden das Filet heraus, lassen es in große Schalen fallen. Die nächsten Arbeitsschritte übernimmt eine Maschine. Sie zersägt die Hälften. Ich schaue auf die Menschen. Grüße mal hier, grüße mal dort freundlich. Suche den Blickkontakt. Man lächelt, manch einer winkt sogar. Die Stimmung hier scheint gut. Wir laufen direkt zwischen zwei Bändern durch. Links wie rechts werden gekonnte Schnitte an den immer kleiner werdenden Teilstücken ausgeführt. Immer die gleichen. Stundenlang. Wer zu langsam ist, hält den ganzen Betrieb auf. Es ist zu laut, um miteinander zu reden. Aber ich schaue in freundliche Gesichter.

Metzgerqualität. Was sonst?

Wir durchlaufen den Betrieb rückwärts. Erst am Ende werden wir an den Schweinebuchten und Tötungskammern stehen. Noch stehen wir vor den Kistenbergen mit zerlegten Fleischteilen, stehen vor den Kisten mit den fertigen Convenience-Produkten. Sie alle werden schon bald bei ALDI-Süd in den Regalen liegen. Die Metzgermeister fachsimpeln, löchern den Mann im weißen Kittel mit Fragen. Kritischen Fragen weicht er souverän aus, er sieht sich nicht zum ersten Mal mit ihnen konfrontiert. Er kennt alle Fragen und er kennt alle Antworten. Natürlich sei das Metzgerqualität, es arbeiten schließlich hunderte Metzger hier, man bilde ja auch aus, habe sogar ein eigenes Ausbildungsprogramm, und alle, die hier arbeiten, arbeiten ja freiwillig, sie zwingen ja niemanden, hier zu arbeiten, und die Produkte seien nun mal genau das, was der Markt fordert, man bediene schließlich nur den Markt, und der Preis wird einem ja auch quasi vom Markt diktiert, da müsse man nun mal mitspielen, wenn man überleben will. Selbst eine prall gefüllte Wasserbombe würde an diesem Weißkittel abrutschen.

Der Schlachtraum

Wir stehen vor der Tür, die uns Zugang zum Schlachtraum gewähren wird. Wir werden noch drauf hingewiesen, dass die Temperatur im Schlachtraum um einige Grade höher sein wird, dann öffnet sich auch schon die Tür und der wabernd heiße Schlachtgeruch kommt uns entgegen. Wir stehen wieder auf einem Besucherbalkon. Ich ziehe meinen Mundschutz bis über die Nase, da ich das Gefühl habe, sonst nicht atmen zu können. Obwohl mir als Metzgerstochter das Töten von Tieren, das Ausnehmen, der Schlachtgeruch vertraut sind, brauche ich ein paar Minuten, um zur Besinnung zu kommen und das Bild, das sich mir bietet, zu realisieren. Ich stehe nur da und starre hinab.

Immer im Kreis

Durch den länglichen Raum schieben sich Schweinehälften von rechts nach links. Die Arbeiter stehen auf kleinen Podesten und verrichten an immer gleicher Stelle die immer gleichen Handgriffe. Auf dem Podest direkt unter mir vier Arbeiter. Sie laufen auf ihrem kleinen Podest im Kreis. Zwei Schnitte am Schwein, die das Geschlinge lösen, was wieder in große Auffangschalen unter den Schweinen fällt. Nach den Schnitten läuft der Arbeiter weiter. Im stets gleichen Schritttempo werden zuerst die linke Hand desinfiziert, dann das Messer in der rechten Hand, dann ist man wieder an einem Schwein angekommen. Zwei Schnitte am Schwein, linke Hand, Messer, zwei Schnitte am Schwein, linke Hand, Messer, zwei Schnitte am Schwein. Vier Mann laufen den ganzen Tag im Kreis. Acht Stunden lang.

Einer der Arbeiter schaut hoch zu uns. Unsere Augen treffen sich. Treffen sich immer zwischen linker Hand und Messer-Desinfektion. Immer wieder schaut er hoch. Findet meine Augen. Im immer gleichen Rhythmus. Ich halte das nur schwer aus. Das Widerwärtige dieser ganzen Situation wird mir bewusst. Ich stehe auf einem Balkon, ich schaue von oben auf die Szenerie herab. Wie oft müssen sich diese Menschen das gefallen lassen, dass sie von oben herab begafft werden? Was hat diese Menschen hierher getrieben? Welche Not bringt Menschen dazu, die Arbeitskleidung anzuziehen und gleichzeitig ihre Würde abzugeben? Und was bringt Menschen in weißen Kitteln dazu, anderen Menschen so etwas abzufordern? Unsere Augen treffen sich ein letztes Mal, dann verlasse ich den Raum.

Betäubt und getötet

Der Flur ist kühl. Ich atme durch, warte auf die anderen. Wieder steigen wir Treppen hinab. Schon bald ist das Quicken der Schweine zu hören. Wir stehen direkt an dem Schleusengang, der die Schweine in die Gasgruben führt. Zu sehen ist nur ein großer metallener Kubus. Auf der einen Seite laufen lebende Schweine rein, auf der anderen Seite fallen bewusstlose Schweine raus. Im Inneres des Kubus werden die Schweine mit CO2 betäubt. Tot sind sie nocht nicht, wenn sie hier raus kommen. Sofort werden sie an den Füßen aufgehängt und mit einem Rundmesser erfolgt der Röhrenschnitt. Das Entbluten bringt schließlich den Tod.

Kontrolliert wird das Ganze mittels eines Chips, der jedem Tier eingepflanzt wird. Das Tier wird vor dem Entbluten gewogen und kurze Zeit nach dem Entbluten abermals. Wenn die erforderliche Gewichtsdifferenz nicht gegeben ist, stoppt das Band und das entsprechende Schwein wird kontrolliert. Von hier aus dauert es nicht lange bis das Schwein entborstet, geteilt und an dem Podest mit den vier Arbeitern vorbei fährt.

Achtet den Menschen

Wir werden zu den Schweinebuchten geführt. Achtet die Kreatur. Große Schilder mit dieser Aufschrift hängen über den Schweinebuchten. In den Buchten darunter die Schweine. Ruhig sind sie. Einige liegen. Sie sehen nicht geschunden oder verletzt aus. Ich kann nichts erkennen, was darauf schließen ließe, dass es diesen Tieren zuvor schlecht ergangen ist. Sie müssen gleich sterben. Sie und ich sind in einem der größten Schlachtbetriebe Deutschlands. Ich sehe die Schweine, sehe das Schild über ihren Köpfen. Achtet die Kreatur. Wir sind am Ende der Betriebsbesichtigung bei Tönnies. Und ich weiß: Diese Schilder müssten ganz woanders hängen.

Edit:
Hier noch der Bericht eines ehemaligen Akkordschlachters, der mich zwei Wochen nach dieser Veröffentlichung erreichte: Ein Akkordschlachter berichtet.

1 thought on “Achtet die Kreatur. Betriebsbesichtigung in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb.

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